cigar | «Wir verlieren die besten Leute»
Aus Cigar 4/22
Zigarrenherstellung

«Wir verlieren die besten Leute»

Wie haben die Zigarrenproduzentinnen und -produzenten in Honduras, Nicaragua sowie der Dominikanischen Republik die Pandemie überstanden? Und vor welchen Problemen stehen sie jetzt? Zwei Fragen und eine Reihe Antworten.

Text und Fotos: Tobias Hüberli

Die Zahlen sprechen für sich. Seit 2019 sind die Zigarrenimporte aus den drei Pro­duktionsländern Nicaragua, Honduras und Dominikanische Republik mehr oder weniger steil angestiegen. Wurden vor drei Jahren noch Zigarren, Stumpen und Zigarillos im Wert von 5,3 Millionen Franken aus der Dominikanischen Republik in die Schweiz eingeführt, lag dieser 2021 bereits bei 7,2 Millionen Franken. Der Wert der aus Nicaragua bezogenen Rauchwaren stieg in der gleichen Periode um 68 Prozent auf 4,1 Millionen Franken, bei honduranischen Tabakgütern um 58 Prozent auf 2,6 Millionen Franken.

Die Schweizer Zigarrenimporteure schauen auf eine aufregende und gleichwohl turbulente Zeit zurück. Die Covid-19-Pandemie hat die Nachfrage massiv befeuert, die Geschäfte liefen gut. Und wahrscheinlich hätten die Händlerinnen und Händler noch einige Zigarren mehr verkaufen können, wären sie denn mit ausreichend Ware beliefert worden. Als «durchzogen» bezeichnet etwa Dominik Mezzomo, Brand-Ver­antwortlicher bei der The Royal Cigar ­Company AG, die aktuelle Situation. «Hersteller, die eigene Manufakturen betreiben, konnten uns in der Regel besser beliefern als jene, die ihre Marken fremd produzieren lassen.» Von einem global agierenden Produzenten habe er 2022 neun Monate lang keine einzige Zigarrenkiste erhalten.

Gründe für die Fertigungs- und Lieferschwierigkeiten gibt es viele. «Es ist die beste und gleichzeitig schlechteste Zeit, um Premiumzigarren herzustellen», sagt Juan Ignacio Martínez, Geschäftsführer von Joya de Nicaragua. Seit den politischen Unruhen 2018 erlebte das mittelamerikanische Land drei grosse Migrationswellen. «In der ersten Welle waren viele, die sich gegen Präsident Daniel Ortega auflehnten», so Martínez. Daraufhin änderten die USA, als Reaktion auf die linkspopulistische Regierung Ortegas, ihre Migrationspolitik. «Jede Nicaraguanerin und jeder Nica­raguaner konnte fortan versuchen, die Grenze in die USA zu überschreiten, ohne rechtliche Konsequenzen zu befürchten.» Wer erwischt wird, muss zurück nach Mexiko, kann es aber versuchen, so oft er will. Erreicht man US-amerikanischen Boden, ist das gleichbedeutend mit einer Arbeitsbewilligung.» Es gebe Menschen, die Estelí verliessen und eine Woche später in den Vereinigten Staaten einen voll bezahlten Job für 20 Dollar die Stunde hätten.

Die Auswirkung auf die nicaraguanische Zigarrenproduktion ist gross. «Wir verlieren die besten Leute zwischen 25 und 45 Jahren; nicht nur Rollerinnen und Roller gehen, sondern auch Büromitarbeiterinnen oder Handwerker», so Martínez. Längst ist in den zirka 80 Manufakturen von Estelí ein Kampf um Fachkräfte entbrannt. Denn zur gleichen Zeit ist die Nachfrage nach nicaraguanischen Premiumzigarren förmlich explodiert. «2022 werden wir unser bestes Jahr seit Gründung des Unternehmens vor 54 Jahren realisieren», so Martínez. Der Wert der ausgeführten Tabakgüter stieg 2021 um satte 31 Prozent. Dazu muss man wissen: Über die Hälfte aller in den USA verkauften Zigarren stammen aus Nicaragua. Kein Wunder, geniessen die Abnehmerinnen und Abnehmer in den Vereinigten Staaten bei vielen Produktionsbetrieben Vorrang, was die Knappheit dieser Zigarren in Europa zumindest teilweise erklärt.

Nicht nur Rollerinnen und Roller verlassen das Land.  Mitarbeiterin einer Zigarrenmanufaktur in Estelí, Nicaragua.

Die Situation in Nicaragua hat auch direkte Konsequenzen für das Nachbarland. «Vor 20 Jahren zogen viele Hersteller von Honduras nach Nicaragua», sagt Zigarrenhändler Raymondo Bernasconi. «Arbeitskräfte waren günstiger, die Kriminalitätsrate war tiefer.» Mittlerweile sind die Löhne der nicaraguanischen Rollerinnen und Roller aber kräftig gestiegen, von vormals 300 Dollar auf über 600 Dollar pro Monat. «Es würde mich nicht wundern, wenn einige Produzenten einen Landeswechsel zumindest prüfen», so Bernasconi

17 Manufakturen sind aktuell im Süden Honduras operativ tätig. Zwar hätten auch honduranische Zigarrenherstellerinnen und -hersteller mit den Nachwehen der Pandemie, etwa mit gestörten Logistikwegen oder aber mit den Auswirkungen des letzten grossen Hurrikans, zu kämpfen, sagt Filippo Costi, Marketingchef des Herstellers Maya Selva Cigars, aber die Situation auf dem Arbeitsmarkt sei stabil und die Aussichten seien gut. 2021 exportierte Honduras insgesamt 90 Millionen Zigarren, 2022 waren es im Oktober bereits 92 Millionen Stück.

Als weitgehend stabil beschreiben Experten auch die Lage in der Dominikanischen Republik, der am weitesten entwickelten Zigarrenindustrie dieser drei Länder. Als die Pandemie ausbrach, kam es – wie auch in Honduras, nicht aber in Nicaragua – zu kurzfristigen Fabrikschliessungen. Bei der Schweizer Herstellerin Oettinger Davidoff AG reduzierten die Verantwortlichen im ersten Halbjahr 2020 gar den Personalbestand, allerdings nicht für lange. Ab Sommer 2020 wurden die Kapazitäten wieder hochgefahren. Zwar waren Rollerinnen und Roller auch in der Dominikanischen Republik gesuchte – und gut bezahlte – Leute, aber ein Exodus, wie er in Nicaragua zu beobachten ist, fand nicht statt. Trotzdem kämpften dominikanische Hersteller immer wieder mit Lieferschwierigkeiten, zuletzt Oettinger Davidoff Mitte des Jahres. Mittlerweile scheinen die Prozesse wieder geordnet, die Jahresergebnisse sind es sowieso. War die jährliche Produktion (von Davidoff) 2020 noch um 13 Prozent zurückgegangen, stieg sie ein Jahr später um 35 Prozent (auf 34,1 Millionen Zigarren). Und das Jahr 2022 verläuft laut Management «sehr positiv».

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