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Aus Cigar 2/23
Auf Achse

OPERATION: FEINE TIEFEBENE

In Spanien ist Vegafina die meistverkaufte Zigarrenmarke ĂŒberhaupt. Jetzt soll sie auch die Schweiz erobern, wie ein Besuch in der KĂŒstenstadt La Romana zeigt.

Text: Florian Schwab
Fotos: z. V. g. 

Diese Geschichte beginnt bei Intertabak in Pratteln (Basel- Landschaft), bekannt als offizielle Direktimporteurin kubanischer Zigarren fĂŒr die Schweiz. Die Firma gehört zur HĂ€lfte dem kubanischen Staat und zu je einem Viertel dem Unternehmer Heinrich Villiger und der Genfer Familie Lévy.

Seit Kurzem importiert Intertabak auch die dominikanische Zigarrenmarke Vegafina. In Pratteln wird der Neuzugang in Szene gesetzt. Er ist eine willkommene ErgĂ€nzung des Sortiments, denn im Gegensatz zum traditionellen Habanos-Portfolio aus Kuba sind die Longfiller von Vegafina in ausreichender Menge verfĂŒgbar und ĂŒberzeugen durch freundliche Preisgestaltung. Trotzdem: Wenn die in kubanischer Wolle gefĂ€rbte Intertabak plötzlich dominikanische Zigarren verkauft, lĂ€sst dies aufhorchen. Hergestellt wird Vegafina, deren Name auf Deutsch feine Tief- ebene bedeutet, in La Romana.

Die Fahrt dorthin gleicht einem Bootsausflug durch ein endloses Meer von monokulturell angebautem Zuckerrohr. Die lokale Wirtschaft befindet sich zum Grossteil unter der Kontrolle der Central Romana Corporation, eines vor gut 100 Jahren entstandenen Konglomerats, zu dem neben dem Zucker auch viel Viehwirtschaft, der Flughafen, der Hafen und das High-End-Resort Casa de Campo gehören.

FĂŒr eine Zigarrenfabrik ist die KĂŒstenstadt eher keine natĂŒrliche Wahl. Ge- legen im SĂŒden des Landes, befindet sie sich geografisch in polarer Opposition zu den Tabakanbaugebieten im Norden der Insel, die ĂŒberwiegend in der Gegend von Santiago de los Caballeros konzentriert sind — mehrere Autostunden entfernt.

Trotzdem steht hier die weltweit grösste Fabrik fĂŒr handgemachte Zigarren mit ĂŒber 2000 Mitarbeitern, davon mehr als 1000 Rollerinnen und Roller: Tabacalera de García. Output: ĂŒber 40 Millionen StĂŒck pro Jahr, fast das Volumen der aktuellen kubanischen Pro- duktion. Rechnerisch verlassen jeden Tag ĂŒber 110 000 Zigarren die Rollpulte dieser massiven Institution. Gross wurde die Tabacalera de García mit ursprĂŒnglich kubanischen Marken wie Montecristo, Romeo y Julieta, H. Upmann und Trinidad, die sie seit den Achtzigerjahren fĂŒr den US-Markt herstellt, wo Zigarren aus Kuba nicht verkauft werden dĂŒrfen.

Schon aufgrund ihrer eindrucksvollen Dimensionen ist die Tabacalera de García eine Reise wert. In vier gigantischen Produktionshallen, sogenannten Galeras, verrichten jeweils etwa 250 Rollerinnen und Roller ihren Dienst. Es riecht nach wĂŒrzig-sĂŒssem Tabak. Die AtmosphĂ€re ist professionell und konzentriert, die AblĂ€ufe sind effizient orga- nisiert. Wir erfahren, dass die Fabrik immer das Äquivalent einer Zweijahresproduktion an Tabak vorrĂ€tig halte. WĂ€hrend andere Hersteller im Zuge der Pandemie ihre KapazitĂ€ten herunterfuhren, steigerte der Hersteller aus La Romana seinen Output durch Wochenendarbeit und die EinfĂŒhrung eines Mehrschichtenbetriebs.

Zurzeit macht die Tabacalera de García vor allem mit der Marke Vegafina von sich reden. Diese wurde Ende der Neunzigerjahre von José Seijas erfunden, dem spĂ€teren Direktor der Fabrik. Seijas ist ein zentraler Architekt des weltweiten Aufstiegs von Longfillern aus der Dominikanischen Republik, ein Grand Old Man der Zigarrenindustrie.

Seine Kreation Vegafina war, in der bis heute erhĂ€ltlichen klassischen Linie, ein Erfolg. Mit ihrem fein abgestimmten, milden Bouquet traf die neue Marke den Nerv ihrer Zeit und setzte in puncto Preis-Leistungs-VerhĂ€ltnis MassstĂ€be bei milderen Zigarren. Gleichwohl fĂŒhrte Vegafina lange ein eher unauffĂ€lliges Dasein in den Verkaufsregalen. Mit der Ausnahme Spaniens, wo die Marke seit vielen Jahren den Spitzenplatz bei den VerkĂ€ufen von Premiumzigarren belegt.

Derzeit explodieren auch anderswo die Bekanntheit und die VerkĂ€ufe. Bereits kratzt Vegafina bei der Anzahl verkaufter Zigarren an der Nummer zwei des Produkte-Universums der Tabacalera de García. Und die Manager in La Romana rechnen damit, dass sie schon bald die bisherige Nummer eins, die fĂŒr den US-Markt bestimmte dominikanische Romeo y Julietas, einholen wird.

Mitverantwortlich fĂŒr das Wachstum ist, dass Vegafina beim Sortiment ĂŒber das klassische Ursprungsprodukt hinausgewachsen ist und dabei auch die Trends zu krĂ€ftigeren Zigarren sowie zu Nicaragua-Tabaken mitgemacht hat. Heute kann der Aficionado aus insgesamt vier Linien wĂ€hlen. Neben der klassischen sind dies die krĂ€ftigere Fortaleza 2, eine Nicaragua-Linie (ausschliesslich aus Nicaragua-Tabak), sowie die zum 20-jĂ€hrigen Bestehen der Marke geblendete Linie 1998. Dazu kommen Ediciones Limitadas – eine pro Linie und Jahr.

Die Verkaufserfolge von Vegafina stehen fĂŒr ein frisches globales Selbstbewusstsein der dominikanischen Tabakindustrie, wie man es am diesjĂ€hrigen Procigar Festival, einer Art Genfer Uhrensalon fĂŒr dominikanische Zigarren, mit HĂ€nden greifen konnte. Alle Hersteller, mit denen wir gesprochen haben, verzeichnen massives Wachstum. Sie stossen in das Vakuum vor, das die Konkurrenz aus dem nahe gelegenen Kuba mit ihrer Verknappung und Verteuerung geschaffen hat.

Wobei der Begriff Konkurrenz in AnfĂŒhrungszeichen zu setzen wĂ€re. Denn seit ĂŒber 20 Jahren fĂŒhren die Tabacalera de García und die kubanische Export-Monopolistin Habanos S.A. nĂ€mlich eine symbiotische Beziehung als Bestandteil ein und desselben Konzerns. 1999 kaufte die französische Seita die Produktionsanlage in La Romana (als damaliger Bestandteil der US-Gesellschaft Consolidated Cigars), zuvor im Besitz des amerikanischen MilliardĂ€rs Ron Perelman. Kurze Zeit spĂ€ter fusionierte Seita mit dem ehemaligen spanischen Tabakmonopol Tabacalera zu Altadis. Im folgenden Jahr kaufte Altadis 50 Prozent von Habanos S.A., womit der französisch-spanische Konzern, der auch ein substanzielles Portfolio von maschinell hergestellten Marken und Zigaretten umfasste, zum Platzhirsch bei den Premiumzigarren mutierte. 2007 wurde Altadis fĂŒr 12,6 Milliarden Euro von der britischen Imperial Tobacco (heute Imperial Brands) ĂŒbernommen und als Sparte fĂŒr Premiumzigarren positioniert. Seit 2019 verkaufte Imperial Brands sukzessive die Premium-Sparte an Investoren aus Hongkong zum Preis von 1,44 Milliarden Euro.

Sowohl die Tabacalera de García als auch der 50-Prozent-Anteil an der kubanischen Habanos S.A. landeten im Zuge dieser Transaktionen bei der Allied Cigar Corporation, einer Investment- Gesellschaft aus Hongkong, wĂ€hrend die amerikanischen Bestandteile des Altadis-Firmenportfolios (mit den US- Markenrechten fĂŒr diverse ursprĂŒnglich kubanische Marken, hergestellt in La Romana) an eine ebenfalls in Hongkong domizilierte Holding-Gesellschaft namens Gemstone Investment gingen.

FĂŒr die Tabacalera de García bedeutet die neue Konstellation eine Chance, sich auf handgerollte Zigarren zu konzentrieren. Bis vor Kurzem wurden in La Romana zusĂ€tzlich auch maschinell hergestellte Rauchwaren produziert. Dieses GeschĂ€ft ist nach dem Altadis-Verkauf bei Imperial verblieben; die Produktion findet jetzt aber anderswo statt.

Erkennbar ist eine klare Premium- Strategie der neuen EigentĂŒmer. FĂŒr einen zweistelligen Millionenbetrag wurde die Tabacalera de García instandgesetzt und ganz auf handgemachte Zigarren ausgerichtet. Und mit dem «grupo de maestros» besteht ein spezieller Lehrgang fĂŒr besonders talentierte Rollerinnen und Roller. Sie lernen und perfektionieren sĂ€mtliche Schritte der Tabak- und Zigarrenherstellung und sollen dereinst international als Botschafter fĂŒr die verschiedenen Marken des Hauses eingesetzt werden.

Die neuen EigentĂŒmer aus Hongkong (oder China, aber das ist ein anderes Thema) haben die Tabacalera de García bei der spanischen Tabacalera angesiedelt, dem frĂŒheren spanischen Monopol, das innerhalb von Altadis noch als Distributionsgesellschaft fĂŒr den iberischen Markt fungiert hatte. Neue Zigarren entstehen in enger Abstimmung zwischen dem Blending-Team der Tabacalera de García in La Romana sowie der Marketing-Abteilung von Tabacalera in Madrid.

Architektin des Markterfolgs von Vegafina in Spanien war seit den frĂŒhesten AnfĂ€ngen die Habanos-Importeurin Altadis. Ist das nun eine Vorlage fĂŒr LĂ€nder wie die Schweiz? Jedenfalls sieht es so aus, als werde die ausserhalb Spaniens bislang relativ strikte Dichotomie zwischen Kuba und Nicht-Kuba in der neuen EigentĂŒmerstruktur etwas aufgeweicht.

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